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Sklavenstaat

Der Sklavenstaat – Überlegungen für unsere Zeit

Von Wolfram Schrems*

Da Hilaire Bellocs Wiederherstellung des Eigentums, das am 8. Jänner auf dieser Seite vorgestellt wurde, auf Interesse stieß, soll auch der andere, ältere Traktat Bellocs zum Thema Sozial- und Wirtschaftsordnung kurz präsentiert werden. Der Sklavenstaat (The Servile State) erschien bereits 1912, also 24 Jahre vor der Wiederherstellung des Eigentums. Er enthält wichtige Gedanken für unsere eigene Zeit. [1]Ein unterhaltsamer Vortrag über Belloc, der besonders dessen Biographie und dessen lyrisches Werk, leider aber kaum dessen katholische Identität behandelt, findet sich hier (Vortrag von Chris … Continue reading)

Vorauszuschicken ist: Bellocs Analysen sind nicht vollständig und perfekt, seine Vorschläge keine Dogmen. Auf dem Gebiet sozialer und ökonomischer Fragen sind Katholiken und katholische Staaten (die es heute, 2022, aufgrund der katastrophalen Weichenstellungen des II. Vaticanums und seiner Erklärung Dignitatis humanae nicht mehr gibt) frei, innerhalb gewisser ethischer Grenzmarken aus den möglichen, moralisch vertretbaren Wirtschaftssystemen auszuwählen.

So und anders sind Bellocs Ausführungen jedenfalls profund und beherzigenswert. Sein Aufruf zur Wiederherstellung des breit gestreuten Privateigentums an Land und Produktionsmitteln sollte in Zeiten einer geradezu dämonischen Allianz von Hochfinanz und Kommunismus gehört werden. [2]Sinnbildlich für diese – schon auf das 19. Jahrhundert zurückgehende – Allianz ist die demonstrativ zelebrierte Freundschaft von Klaus Schwab und Xi Jingping, hier z. B. anläßlich einer … Continue reading

Das lesenswerte Vorwort von Dr. Robert Hickson weist darauf hin, daß Belloc selbst zurückhaltend und weder Fanatiker noch Utopist war:

[Belloc zweifelte daran], dass die Bürger heutzutage (Stand: 1913) gewillt wären, die mit privatem (Klein-‍)Eigentum verbundenen Verantwortungen und Belastungen zu tragen. Für Belloc stand die Frage im Raum, inwieweit Männer und deren Familien noch daran interessiert sind, Privatland zu besitzen, das für die Agrarproduktion taugt und bewirtschaftungsfähig ist. Daher erwartete er durchaus nachvollziehbar, dass – zumindest in England – die moderne Zivilisation und die Masse der Gesellschaft weiterhin in die Knechtschaft abdriften würde, namentlich in den dauerhaften und alles durchdringenden Sklavenstaat (16).

Damit zu den Hauptaussagen des Traktats:

Der Katholizismus und das Verschwinden der Sklaverei

Belloc stellt fest, was auf der Hand liegt: Obwohl die Schriften des Neuen Testaments die Sklaverei nicht verurteilen, führte die Ausbreitung der katholischen Zivilisation nach dem saeculum obscurum, also ab etwa dem 12. Jahrhundert, über die Zwischenstufe der Leibeigenschaft hin zum freien Bauern und zur Abschaffung der Sklaverei. (Nichtchristliche Gesellschaften bedienen sich dagegen bis heute zwangsläufig der Sklaven, in den postchristlichen fängt es damit wieder an.)

Über diese historische Entwicklung und deren Beendigung durch die protestantische Revolution schreibt Belloc im Vorwort zur zweiten Auflage:

So z. B. ist meine Behauptung, die Sklaverei habe sich nur langsam umgebildet und der alte heidnische Sklavenstaat habe sich unter dem Einfluß der katholischen Kirche langsam in einen Staat mit gleichmäßiger Eigentumsverteilung verwandelt, nicht ein Ergebnis meines eigenen Parteistandpunktes (…). Ganz gleich, ob das Institut der Sklaverei etwas Gutes oder Schlimmes war, tatsächlich verschwand sie langsam in dem Maße, als die christliche Kultur sich entwickelte, und es ist weiter eine Tatsache, daß sie langsam dort wiederkehrt, wo die katholische Kultur zurückgeht. Ich habe auch nicht behauptet, daß das Ziel eines vollkommen freien Staates mit gleichmäßiger Verteilung der Produktionsmittel, der vollkommen freie »distributive Staat«, jemals erreicht worden ist. Ich habe nur gesagt, daß ein solcher Staat in Bildung begriffen war, als das Auseinanderbrechen unserer europäischen Einheitskultur im 16. Jahrhundert diese Entwicklung störte, und daß dadurch, insbesondere in England, das Saatkorn des Kapitalismus gelegt wurde (39) [3]Die Hervorhebungen in Fettdruck stammen vom Rezensenten, die in Kursivschrift vom Autor.

Der Kapitalismus führt zwangsläufig in einen Sklavenstaat mit Arbeitszwang

Belloc sieht eine unaufhaltbare Entwicklung zum „Sklavenstaat“ im kapitalistischen System:

Die These, die ich in diesem Buche aufstelle und beweisen will, lautet: Unsere freie moderne Gesellschaft, in der einige wenige das Eigentum an den Produktionsmitteln haben, befindet sich notwendig im labilen Gleichgewicht und hat die Tendenz, eine stabile Gleichgewichtslage dadurch zu erreichen, daß den Produktionsmittelbesitzern ein vollgültiger Rechtsanspruch auf gesetzliche Arbeitspflicht der Schichten, die keine Produktionsmittel besitzen, erteilt wird (43).

Er definiert den Zustand, der dem Buch den Titel gibt, so:

Eine Gesellschaftsordnung, bei der eine so große Anzahl der Familien und Einzelpersonen durch positives Recht zur Arbeit zugunsten anderer Familien und Einzelpersonen gezwungen ist, daß das ganze Gemeinwesen von solcher Art Arbeit das charakteristische Gepräge erhält, nennen wir den Sklavenstaat. (51)

Gegen ein Mißverständnis: Die Industrielle Revolution ist Folge, nicht Ursache des Kapitalismus

Es ist wichtig zu verstehen, daß die Erfindungen wie die Dampfmaschine und überhaupt das, was man als „Industrielle Revolution“ bezeichnet, nicht von sich aus zu Ausbeutung und Verarmung des vollständig abhängigen Proletariats führen mußte. Wie immer ist es die Gesinnung der Herrschenden (und der Beherrschten), die zu unerfreulichen Entwicklungen führt, nicht eine technische Entwicklung als solche. Man kann das gar nicht oft genug betonen:

Die Antwort auf diese Grundfrage unserer Geschichte, die man am häufigsten hört und die am bereitwilligsten geglaubt wird, lautet, daß dieses Unglück durch einen materiellen Prozeß, durch die sogenannte industrielle Revolution entstanden sei. Durch die Verwendung kostspieliger Maschinen, durch die örtliche Vereinigung der Industrie und ihrer Apparate, sei, so stellt man sich vor, gewissermaßen blindwütend und sinnlos die Tätigkeit der englischen Menschen versklavt worden. Diese Erklärung ist von Grund auf falsch. (…) Es war bewußtes Handeln von Menschen, böser Wille bei den wenigen und Gleichgültigkeit bei den Massen, was eine Katastrophe herbeiführte, die so menschlich war in ihren Ursachen und Anfängen wie entsetzlich in ihren Wirkungen. (…) Das Industriesystem war eine Folgeerscheinung, eine Wirkung des Kapitalismus, aber nicht dessen Ursache. Kapitalismus hat es in England schon gegeben, als das Industriesystem noch nicht existierte … (Der) Kapitalismus – d. h. die Aneignung der Lebensquellen durch einige wenige – war eben schon längst vor den großen Erfindungen da. (…) Nicht durch die Maschinen haben wir unsere Freiheit verloren; wir hatten die Freiheit des Geistes eingebüßt (79).

Innere Beschaffenheit des Kapitalismus und dessen Kippen in den Kollektivismus

Der Kapitalismus baut auf ideologischer Unsicherheit auf: Im Kapitalismus ist erlaubt, was durch die traditionelle Moral verboten ist, z. B. Täuschung in der Werbung, brachiale Verkaufsmethoden u. a. Das führt zur inneren Labilität des Systems. Dazu kommt die materielle Unsicherheit, übrigens auch für die Besitzenden. Diese schützen sich gegen den tödlichen Konkurrenzterror durch Absprachen („geheime Verschwörungen“, 105ff) zu Lasten der Schwächeren. Damit sind Monopole und Trusts praktisch unvermeidlich. Diese führen aber nach Belloc zu Kollektivismus und einer Art „Sozialismus“. [4]„Auf der anderen Seite fügt sich das kollektivistische Experiment (scheinbar wenigstens) ganz gut in die kapitalistische Gesellschaft, als deren Ersatz es dienen soll, ein. (…) Das trifft so … Continue reading

Belloc stellt aber auch fest, daß private Unternehmungen nicht automatisch effizienter sind als etwa kommunale. Er schreibt etwa von „den durchweg erfolgreichen städtischen Unternehmungen vieler moderner Städte“ (173). [5]Als Österreicher denkt man natürlich an den erfolgreichen Ausbau Wiens mit öffentlichem Verkehr, mit Wasser‑, Gas- und Stromversorgung und sozialen Einrichtungen durch Bürgermeister Karl Lueger … Continue reading

Bellocs Schlußfolgerung

Belloc meint, daß die Masse mit einer (modern adaptierten) Sklaverei und politischen Unfreiheit durchaus zufrieden sein könnte, weil die Freiheit, auch die ökonomische, ihnen ohnehin zu schwer ist.

Belloc sieht aber die kleinteilige Wirtschaft als besten Garant der Freiheit. Der Staat hat darin selbstverständlich eine wichtige Funktion, aber auch dessen Funktionäre stehen unter dem Sittengesetz. Der Staat tendiert nämlich zur Konfiskation durch Besteuerung und Verschleuderung der so lukrierten Einnahmen:

Der Staat konfisziert freilich, d. h. er besteuert in vielen Fällen so, daß er zwar den Steuerzahler ärmer macht und sein Kapital kleiner, ohne ihn jedoch seines Einkommens zu berauben. Aber die Erträge verwandeln sich nicht in Produktionsmittel. Er verwendet die Steuererträge entweder zum unmittelbaren Bedarf in der Form von neuen Beamtengehältern, oder er verschleudert sie an eine andere Gruppe von Kapitalisten (149).

Belloc daher über die Zukunft der Wirtschafts- und Sozialordnung:

Es sollte aber ebenso allgemein bekannt sein, daß es nur eine sehr geringe Zahl möglicher Lösungen gibt. Ich für meinen Teil glaube, daß es deren nicht mehr als zwei gibt: entweder die Rückkehr zur gleichmäßigen Verteilung des Eigentums oder die Wiederherstellung der Sklaverei. (…) [Meine] Überzeugung, daß die Wiederherstellung der Sklaverei in unserer Wirtschaftsgesellschaft unmittelbar bevorsteht, verleitet mich nicht dazu, irgendeine dürftige und mechanische Prophezeiung über die zukünftige Gestalt Europas anzustellen. (…) Es gibt einen wirren Knäuel von Kräften, in den jede einst christliche Nation verstrickt ist; die alten Feuer glimmen noch (175).

Resümee

Wie schon ein Rezensent feststellte, ist dieses Buch nicht einfach zu lesen und hätte illustrierender Beispiele durch den Autor selbst bedurft.

Für mehr Hintergrunderläuterungen durch den deutschen Übersetzer bzw. Herausgeber wäre der Leser daher dankbar gewesen. Eine Erklärung wäre sicher gut gewesen, daß „Kapitalismus“ gemäß Belloc auf keinen Fall mit einem System produktiver Arbeit, unternehmerischer Initiative und einer vernünftigen Marktwirtschaft gleichzusetzen ist. Auch der Kommunismus kennt den Kapitalismus: Karl Marx geißelte die Unternehmer als Ausbeuter, schonte aber mit seiner Kritik die Hochfinanz. Vor einigen Jahren plakatierten junge kommunistische Dummköpfe in Wien die Forderung nach der Einführung des „STAMOKAP“, also des „Staatsmonopolkapitalismus“. Dieser ist im kommunistischen China politische Realität. –

Manche Prognosen Bellocs waren unzutreffend. Manches ist beim schnellen Lesen wohl mißverständlich: Belloc selbst sah sich daher gezwungen, ein Vorwort mit Selbsterklärungen der 2. Auflage voranzustellen.

Ob Belloc im Detail immer richtig lag, ist eine legitime Frage. Ist eine verpflichtende Sozialversicherung schon ein Schritt zum „Sklavenstaat“? Sehr subtil, aber doch? Schwer zu sagen.

Oder die Einführung eines Mindestlohns? Wenn dieser mit Arbeitszwang verbunden ist, bestimmt. [6]„Soviel also über das Prinzip des Mindestlohnes. Er ist schon ein Bestandteil des englischen Rechts; er wird sich zweifellos noch weiter durchsetzen. Aber inwiefern bedeutet die Einführung eines … Continue reading

Richtig lag er zweifelsfrei mit seiner Grundaussage: Wo der christliche, und zwar der katholische Glaube als gesellschaftsprägende Kraft verschwindet, kommt es zwangsläufig zur Wiedererrichtung sklavenähnlicher Verhältnisse.

Klaus Schwab und seine chinesischen Freunde arbeiten schon daran.

Im Licht der Botschaft von Fatima, die fünf Jahre nach Erscheinen des Buches gegeben wurde, wird man sagen können, daß Rußland seine Irrtümer tatsächlich über die ganze Welt verbreitet hat.

Hilaire Belloc, Der Sklavenstaat. Aus dem Englischen übertragen von Arthur Salz. Mit einem Vorwort von Dr. Robert Hickson. Renovamen-Verlag, Bad Schmiedeberg ²2020, 176 S. (Original: The Servile State, 1912)

*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Prolifer, Interesse an sozialethischen und ökonomischen Fragen

Der Artikel erschien zu erst auf Katholisches – Magazin für Kirche und Kultur

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1 Ein unterhaltsamer Vortrag über Belloc, der besonders dessen Biographie und dessen lyrisches Werk, leider aber kaum dessen katholische Identität behandelt, findet sich hier (Vortrag von Chris Hare). Wer Belloc selbst hören will, findet hier eine Gesangsdarbietung unseres Autors. Auf Deutsch gibt es diesen kurzweiligen Vortrag von Rainer Laabs, gehalten am Institut Philipp Neri, Berlin. (Laabs gibt über die Familie Bellocs zum Vortrag von Hare widersprüchliche Informationen.
2 Sinnbildlich für diese – schon auf das 19. Jahrhundert zurückgehende – Allianz ist die demonstrativ zelebrierte Freundschaft von Klaus Schwab und Xi Jingping, hier z. B. anläßlich einer Ehrung des „Kapitalisten“ durch den „Kommunisten“. Im übrigen wirken beim Corona-Terror die privatwirtschaftliche Pharmalobby mit den Zwangsmitteln der Staaten perfekt zusammen.
3 Die Hervorhebungen in Fettdruck stammen vom Rezensenten, die in Kursivschrift vom Autor.
4 „Auf der anderen Seite fügt sich das kollektivistische Experiment (scheinbar wenigstens) ganz gut in die kapitalistische Gesellschaft, als deren Ersatz es dienen soll, ein. (…) Das trifft so sehr zu, daß einem gewissen naiven Kollektivismus die »kapitalistische Phase« der Gesellschaft als notwendige Vorbedingung der »kollektivistischen Phase« erscheint. Ein Trust oder Monopol werden gerne gesehen, weil sie eine »Art des Übergangs aus dem privaten zum öffentlichen Eigentum bedeuten«“ (119).
5 Als Österreicher denkt man natürlich an den erfolgreichen Ausbau Wiens mit öffentlichem Verkehr, mit Wasser‑, Gas- und Stromversorgung und sozialen Einrichtungen durch Bürgermeister Karl Lueger (1844 – 1910), einen frühen Zeitgenossen Bellocs.
6 „Soviel also über das Prinzip des Mindestlohnes. Er ist schon ein Bestandteil des englischen Rechts; er wird sich zweifellos noch weiter durchsetzen. Aber inwiefern bedeutet die Einführung eines Minimums einen Fortschritt zum Sklavenstaat? Ich habe gesagt, daß das Prinzip des Mindestlohnes als Kehrseite das Prinzip des Arbeitszwanges oder der Arbeitspflicht fordert. In der Tat liegt die hauptsächliche Bedeutung des Prinzips eines Minimallohnes für unsere Untersuchung in dieser notwendigen Kehrseite, nämlich im Arbeitszwang oder in der Arbeitspflicht, die damit gefordert wird“ (165).

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