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Die Wiederherstellung des Eigentums

Hilaire Belloc, Die Wiederherstellung des Eigentums

Besprechung von Wolfram Schrems*

In Zeiten, da die klein- und mittelständische Wirtschaft durch „Lockdowns“ zerstört und das Geld durch Inflation entwertet wird, und in der ein sogenanntes „Weltwirtschaftsforum“ Werbung damit macht, daß der normale Bürger nichts besitzen und dennoch – angeblich – „glücklich“ sein würde, tut eine Streitschrift zugunsten des Privateigentums not. [1]Siehe dazu die vor kurzem erschienene, aussagekräftige Abhandlung von Tommaso Scandroglio auf Katholisches – Magazin für Kirche und Kultur

Schon zur Zeit des ersten Erscheinens, nämlich im Jahr 1936, widersprach die Schrift dem Zeitgeist. Das zeigt, daß es immer wichtig ist, sich über Sinn und Zweck von Wirtschaft und Eigentum Gedanken zu machen. Der englisch-französische katholische Historiker Hilaire Belloc (1870–1953), der den Lesern dieser Seite bereits bekannt ist, gilt mit seinem Freund G. K. Chesterton (1874–1936) als Vertreter des „Distributismus“, eines alternativen Weges zu Kapitalismus und Sozialismus. Vorliegende Schrift enthält bemerkenswerte Gedanken, die hier kurz vorgelegt werden sollen.

Grundlage: Enteignung im 16. Jahrhundert, Proletarisierung, Kapitalismus, Kommunismus

Belloc hat folgende historische Situation im Bewußtsein:

In England bestand die „Reformation“ genauso wie in Deutschland im Prinzip im Raub des Kirchengutes (von Belloc erwähnt: 119), besonders der Klöster, durch eine neue Kaste von skrupellosen Emporkömmlingen und Plutokraten, in England die sog. „Whigs“. Die Vernichtung der Klöster bedeutete gleichzeitig die Vernichtung der primären Institution der Wohlfahrtspflege: Klosterküchen versorgten die Armen, Hospitäler die Kranken, Waisenhäuser die Kinder. Als diese Art einer hochorganisierten Nächstenhilfe weggefallen war, setzte Verelendung ein. Öffentliche Weideflächen wurden eingezäunt und privatisiert. Schließlich wurden die Gilden abgeschafft (nach Belloc mit Ausnahme der Juristen und der Ärzte, 149), somit der Schutz der kleinen Handwerker.

Man sieht: Das westliche mittelalterliche System brachte einen gewissen Ausgleich mit sich, extreme Armut wurde oft, wenn auch nicht immer, verhindert wie ebenfalls oft, aber nicht immer, frivoler, überschießender, phantastischer und verantwortungsloser Reichtum (der bekanntlich normalerweise mit moralisch einwandfreien Mitteln nicht zu erlangen ist). Die Wohlfahrtspflege der Kirche fing schwere Fälle auf, die Gilde schützte ihre Mitglieder, der Fokus der Lebensführung lag eben nicht in der Anhäufung von Reichtümern als Selbstzweck, viele Herrscher sahen ihr Amt als Dienst an Gott und an den Menschen.[2]Siehe dazu die umfangreiche Kapitalismuskritik von E. Michael Jones, Barren Metal. Klar muß sein: Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Wirtschaft. So unterliegt sie nicht einfach unpersönlich wirkenden „ökonomischen Gesetzen“ (25), sondern den Anforderungen der natürlichen und geoffenbarten Ethik. Das Wirtschaften muß letztlich dem Gemeinwohl dienen und darf das Seelenheil nicht gefährden.

Grundaussage

Die Grundaussage von Bellocs Traktat könnte man so paraphrasieren:

Belloc meinte, daß eine breite Verteilung von Privateigentum der politischen Freiheit dient. Sowohl „Kapitalismus“ als auch „Kommunismus“ tendieren zum „Sklavenstaat“, wie ein anderer bekannter Titel Bellocs lautet. Gesichertes Eigentum an Land und wirtschaftlichen Möglichkeiten, die („künstliche“) Förderung von Kleinhandwerkern und Kleingewerben und die Schaffung von Gilden wehren den Exzessen von ungebremstem Wettbewerb, Absorption der kleinteiligen Wirtschaft in gigantische Konglomerate und der (gemäß Belloc) logischen Folge, dem Kommunismus. Belloc nennt seine Vorstellung den „proprietären Staat“.

Bellocs Ziel ist „nicht die Wiederherstellung der Kaufkraft, sondern die Wiederherstellung der wirtschaftlichen Freiheit. (…) Ein Betriebsführer mit 1.000 Pfund Jahreseinkommen, welcher je nach Laune seines Herrn entlassen werden kann, hat eine bedeutende Kaufkraft, aber keine wirtschaftliche Freiheit“ (35).

Bezüglich der Möglichkeit der Wiederherstellung des Eigentums bleibt er allerdings pessimistisch.[3]Hochinteressant ist, daß offenbar schon zu seiner Zeit die abwegige, weil in die Diktatur führende Idee eines arbeitslosen Grundeinkommens, zumindest vage, thematisiert wurde (54).

Belloc ist also kein Utopist. Er hat wohl Joh 12,8 („Die Armen habt ihr immer bei euch“) im Bewußtsein, wenn er schreibt:

Doch während der Sklavenstaat, zu dem wir uns heute hinbewegen, ein vollkommener sein kann, vermag der proprietäre (oder distributistische) Staat weder vollkommen zu sein noch darf er es sein; denn er kann seiner Natur nach nicht mechanisch sein. Es wird in ihm viele relativ Arme geben, und einige relativ Reiche. Voraussichtlich wird es da einen Teil von Besitzlosen geben. Aber Eigentum, und sein Begleiter, die wirtschaftliche Freiheit, wird das Kennzeichen der Gesellschaft als Ganzes sein (57).

Der Gegensatz zu den Libertären: der Staat ist nicht per se der Feind

Belloc weiß mit der gesamten katholischen Tradition, daß der Staat notwendig ist. Eine Verteufelung des Staates vernebelt den Blick dafür, daß dieser auch dazu existiert, vor der Willkür privater Mächte zu schützen. Sicher können seine Funktionäre korrupt oder übelwollend sein, aber das können private Institutionen, wie etwa Banken und Konzerne oder mächtige „NGOs“, ebenfalls.

Belloc dazu:

„Das Übel, an dem wir heute leiden, ist nicht jenes der Staatseinmischung, sondern das Übel des Verlustes der Freiheit. Staatseinmischung kann einen Freiheitsverlust zur Wirkung haben und hat diesen sicherlich meist zum Ziel; doch sie kann stets, und muß sogar sehr oft, angerufen werden gerade zum Zwecke der Wiederherstellung der Freiheit. Es muß Gesetze geben nicht allein zum Schutze des Eigentums gegen direkten Raub, sondern gegen eine Auflösung des Eigentums durch übertriebene Konkurrenz. Es muß staatliche Sanktionierung geben für die Macht der Gilde, für die Prozedur der Beerbung, für die Einschränkung unangemessener Lasten“ (59).[4]Belloc widerspricht übrigens dem Dogma, daß der Kapitalismus eine historische Zwangsläufigkeit sei, und kritisiert die Rolle des Protestantismus: „Es ist nicht wahr, daß der Kapitalismus … Continue reading

Viele Detailfragen: Kredite, Banken, Klein- und Großunternehmen, Steuern, Staatsform

Belloc hat sich tief mit der Materie vertraut gemacht und kann daher kenntnisreich zu vielen Detailfragen Vorschläge machen.

Nach Belloc habe beispielsweise die Plutokratie den gesetzgebenden Apparat, also die Parlamentarier, und die Regierung korrumpiert. Das sei bei einer Monarchie, die ja die Kleinen gegenüber den Mächtigen schützen soll (87), anders, zumindest theoretisch:

„Das Übel ist unter einer aktiven Monarchie weniger furchtbar als unter irgend einer anderen Regierungsform, denn der springende Punkt bei der absoluten Monarchie ist der, daß der Monarch zu reich, um bestochen, und zu mächtig ist, um eingeschüchtert zu werden“ (78).

Belloc beobachtete, daß die „Verteidiger des Industriekapitalismus“ von „demselben Geistestypus“ seien, „welche den Sozialismus oder dessen einzige logische Form, den Kommunismus, verteidigen“ (102).[5]Wir erinnern uns, daß bekanntlich der Kommunismus und die Sowjetunion von superreichen Kapitalisten aus dem Westen erdacht und finanziert wurden und daß Klaus Schwab („Kapitalist“?) und Xi … Continue reading

Bellocs Resümee

Belloc versucht, den Blick seines Lesers auf etwas zu richten, was schon dem Zeitgenossen nicht so klar war:

„Ich untersuche hier nicht, ob Sklaverei (ob nun gegenüber einem sehr reichen Mann oder einer Gruppe oder dem Staate) etwas Gutes oder Schlimmes ist. Ich sage nur, daß ohne wohlverteiltes Eigentum Freiheit nicht existieren kann; und daß die Sklaverei, wenn wir die Dinge so lassen, wie sie sind, unweigerlich kommen muß“ (115).

Aber klarerweise müssen die Menschen die wirtschaftliche und politische Freiheit auch selbst wollen, wenn sich das System ändern soll.

Sehr aussagekräftig: aus dem Vorwort von John Sharpe

Hilaire Belloc (1870–1953)

Sharpe, ehemaliger Marineoffizier, Chef des Verlagshauses IHS Press, und Verfasser zahlreicher Artikel zum Distributismus, leitet den Traktat mit grundsätzlichen Erwägungen aus unserer eigenen Gegenwart ein. Er klärt, was mit „Kapitalismus“ gemeint ist, nämlich „der Sieg der Finanzen über die Realwirtschaft. Innerhalb der natürlichen Ordnung des Kapitalismus ist es Aufgabe des Finanzsystems, der produzierenden Wirtschaft – Waren, Dienstleistungen, Arbeitsplätzen und Einkommen – zu dienen. Zum beherrschenden Faktor sind jedoch die simplen Wertmaßstäbe der Wall Street geworden“ (20).

Daß der katholische Glaube mit dem Liberalismus und dem schlechthin „freien Markt“ vereinbar wäre, bestreitet Sharpe (25).

Resümee

Bellocs Traktat ist hochinteressant und für unsere Zeit von hoher Relevanz: Seit Jahrzehnten hat sich ja unter den verbliebenen Katholiken das Bewußtsein verflüchtigt, daß zwei der Zehn Gebote das Eigentum schützen. Nicht einmal begehren soll man, was ein anderer hat. Ganz unverschämt wird aber in Gesellschaft, Staat und Kirche von Umverteilung u. dgl. schwadroniert.

Diese Gebote gelten auch für den Staat, der zwar berechtigt ist, Steuern einzuheben (Mt 22,20; Röm 13,1ff), aber nicht in konfiskatorischem Ausmaß. Diese Gebote gelten auch für die privaten und von niemandem legitimierten Weltorganisationen wie das schon genannte Weltwirtschaftsforum (schon der Name ist ein Hohn). Sie gelten auch für Klaus Schwab und Konsorten. Die kirchlichen Institutionen, die theologischen Fakultäten und die Katholische Sozialakademie Österreichs sollten sich das ebenfalls vor Augen halten. –

Der Traktat ist – im Gegensatz zu anderen Büchern Bellocs – nicht ganz einfach zu lesen. Er setzt einiges an wirtschaftstheoretischem Verständnis voraus, das nach Ansicht des Rezensenten unter Katholiken nicht weit verbreitet ist. Allerdings ist die Übersetzung gut lesbar und enthält nur sehr wenige (ebenfalls nach Ansicht des Rezensenten) unklare Stellen und Verschreibungen.

Allenfalls wären weitere Anmerkungen des Übersetzers hilfreich gewesen, besonders präzise Definitionen, was mit „Kapitalismus“ im heutigen Sprachgebrauch alles gemeint sein kann und wie Belloc ihn verstand. –

Es mag ein Sonderthema sein, das in Zeiten des päpstlichen Krieges gegen die Überlieferte Messe und der skrupellosen Machtausweitung der Virokraten in der Weltpolitik viele Katholiken nicht als Priorität betrachten werden. Vielleicht ist der „distributistische Staat“ zwangsläufig eine Utopie, weil die Wirtschaft – nun einmal unter den Bedingungen des Sündenfalls – so nur schwer oder nicht funktionieren wird.[6]Nach E. Michael Jones haben die Jesuiten im „Jesuitenstaat“ in Paraguay eine vorbildliche, am Gemeinwohl orientierte, ausgewogene Ordnung, die sowohl Gemeinschaftseigentum als auch Privateigentum … Continue reading

Aber eben: Belloc lenkt das Augenmerk auf etwas, das schon seine eigenen Zeitgenossen nicht am Radar hatten, um wieviel weniger die heutigen Leser: Die Enteignung ging schleichend. Sie tarnte sich als geschichtliche Entwicklung oder wirtschaftliche Notwendigkeit. Das ist sie nicht. Die derzeitige Wirtschaftsordnung ist nicht normativ, nicht gottgegeben, nicht unveränderlich. Von daher leitet Belloc zum Bohren dicker Bretter an. Aber es lohnt sich.

Hilaire Belloc, Die Wiederherstellung des Eigentums. Gedanken zur Wiedererlangung der Freiheit, mit zwei Vorworten von John F. Sharpe (IHS Press), Renovamen-Verlag, Bad Schmiedeberg 2021, 159 S.

*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro Lifer, seit 2005 Interesse an wirtschaftstheoretischen Fragen.

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1 Siehe dazu die vor kurzem erschienene, aussagekräftige Abhandlung von Tommaso Scandroglio auf Katholisches – Magazin für Kirche und Kultur
2 Siehe dazu die umfangreiche Kapitalismuskritik von E. Michael Jones, Barren Metal.
3 Hochinteressant ist, daß offenbar schon zu seiner Zeit die abwegige, weil in die Diktatur führende Idee eines arbeitslosen Grundeinkommens, zumindest vage, thematisiert wurde (54).
4 Belloc widerspricht übrigens dem Dogma, daß der Kapitalismus eine historische Zwangsläufigkeit sei, und kritisiert die Rolle des Protestantismus:

„Es ist nicht wahr, daß der Kapitalismus unvermeidlich aus der Entwicklung jener Wirtschaftsinstitutionen entstanden ist, die unter dem Dogma des Privateigentums standen. Der Kapitalismus ist erst entstanden, nachdem die Sicherungen für die Aufrechterhaltung des wohlverteilten Privateigentums vorsätzlich niedergebrochen wurden durch bösen Willen, dem man nur unzureichend widerstand.

Erst dann, nach ihrer Zerstörung, war das Feld frei für den Wuchs von Plutokratie in der Politik und von Kapitalismus in der Wirtschaftsstruktur des Staates“ (64).

5 Wir erinnern uns, daß bekanntlich der Kommunismus und die Sowjetunion von superreichen Kapitalisten aus dem Westen erdacht und finanziert wurden und daß Klaus Schwab („Kapitalist“?) und Xi Jinping („Kommunist“?) enge Freunde sind.
6 Nach E. Michael Jones haben die Jesuiten im „Jesuitenstaat“ in Paraguay eine vorbildliche, am Gemeinwohl orientierte, ausgewogene Ordnung, die sowohl Gemeinschaftseigentum als auch Privateigentum kannte, aufgebaut. – Der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß kam mit der von Otto Ender verfaßten „Maiverfassung“ vom 1. Mai 1934 und dem „Ständestaat“ den Vorstellungen von Hilaire Belloc sehr nahe. Da dieses Experiment aufgrund der äußeren Ereignisse bald unterging, kann man nicht sagen, ob die Wirtschaft unter diesen Bedingungen reibungslos funktioniert hätte oder nicht. Letzten Endes liegt es natürlich auch immer an der Gesinnung der Agierenden.

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